index 21.06.2011 / Fachbeitrag zum Thema "Bauen mit Holz" - veröffentlicht in FAZ 10/2010

Hoch hinaus mit Holz

Pionierbau in Regensburg - mehrstöckiger Gewerbebau aus Holz

Regensburg –  Das erste vier Stockwerke hohe Wohn- und Geschäftshaus in Systembauweise, das in Regensburg nach den neuesten Baurichtlinien für den Brandschutz entstanden ist und zertifiziert wurde, beweist: Holzbauten können über sich hinauswachsen.

Ein neunstöckiges Holzhaus im Londoner Stadtteil Hackney gibt es bereits, in Basel soll sogar der 40-stöckige Wolkenkratzer „Dock Tower“ aus Holz realisiert werden. „Es gibt im Ausland, besonders in den nordischen Ländern, einige Beispiele für höhere Bauten in Holzbauweise. In Deutschland hinken wir dieser Entwicklung noch hinterher“, bedauert Michael Regnauer, Geschäftsführer des gleichnamigen oberbayerischen Herstellers von Objektbauten aus Holz. Mit dem Pioniergebäude in Regensburg hat das Familienunternehmen jetzt Baugeschichte geschrieben. Erstmals hat ein Hersteller als Generalunternehmer ein schlüsselfertiges mehrstöckiges Holzhaus komplett erstellt - von der Werksplanung bis zur Genehmigung inklusive Erstellung und Abnahme der komplexen Brandschutzauflagen nach einer neuen Musterrichtlinie, welche die gesetzlichen Voraussetzungen für Holzbauten in einer Höhe bis zu fünf Stockwerken geschaffen hat.

Mehrgeschossiger Holzbau ist möglich

Feuer in den unteren Stockwerken eines mehrgeschossigen Gebäudes mit darüber vom Fluchtweg abgeschnittenen Personen. Dieses Szenario stellt natürlich den Alptraum für jeden Bewohner und Bauherren und die Feuerwehr dar. Bis heute lässt die Tatsache, dass früher ganze Orts- bzw. Stadtteile dem Feuer zum Opfer fielen, die Vermutung aufkommen, Gebäude in Holzbauweise sind in Sachen Begrenzung der Brandausbreitung und Feuerwiderstand nicht ausreichend leistungsfähig. Die neue, 2008 in Kraft getretene Bayerische Bauordnung berücksichtigt erstmals mehrgeschossige Holzgebäude und hat hierfür strenge Sicherheitsanforderungen festgelegt: Für Gebäude der Klasse 4 (Höhe oberster Geschossfußboden weniger als 13 Metern) fordert sie in einer, eigens hierfür eingeführte Musterrichtlinie, dass die tragenden und aussteifenden Bauteile „hochfeuerhemmend“ ausgeführt werden. Für mindestens 60 Minuten dürfen diese Bauteile nach Informationen von René Stein, Holzbrandschutzexperte an der Technischen Universität München, neben der notwendigen Tragfähigkeit, nicht entflammen, was in der Fachwelt als „Kapselkriterium“ (K260) bezeichnet wird. Brandschutzbekleidungen aus nicht brennbaren Baustoffen müssen die Holzbauteile entsprechend schützen, in Regensburg war dies eine Ummantelung mit Gipsbauplatten. Im Fenster- und Türenbereich laufen diese sogar um die Stiele herum, sodass die Holzkonstruktion allseitig geschützt und an keiner Stelle offen liegt.

Erstes zertifiziertes Gebäude in Deutschland

Allgemeine bauaufsichtliche Prüfzeugnisse (ABPs) regeln Aufbau und Zusammensetzung der „hochfeuerhemmenden“ Holzbauteile. Eine kontinuierliche Überwachung der Fertigungsbetriebe durchanerkannte Überwachungs- und Zertifizierungsstellen soll eine gleichbleibende Qualität der Herstellung sichergestellt werden. Die erfolgreiche Überwachung wird bestätigt, durch das sogenannte Übereinstimmungskennzeichen, welches auf den Bauprodukten aufgebracht wird. Mittlerweile sind zwei Fachstellen, die Materialprüfanstalt für das Bauwesenan der Technischen Universität Braunschweig und das Materialprüfamt für das Bauwesen, der Technischen Universität München, durch das Deutsche Institut für Bautechnik mit der Ausstellung der Zertifikate als Berechtigung zur Übereinstimmungskennzeichnung (Ü-Zeichen) beauftragt worden. Zur Bauzeit des Pionierprojektes war dies zum Bedauern von Regnauer noch nicht der Fall. Das Seebrucker Unternehmen musste erneut die Zustimmung im Einzelfall bei der Obersten Baubehörde im Bayerischen Staatsministerium des Innern ersuchen, was mit Unterstützung des Lehrstuhls Holzbau und Baukonstruktion an der TU München auch gelang. In Folge wurde Regnauer das erste Übereinstimmungszertifikat in Deutschland für die Erfüllung der Brandschutzauflagen für hochfeuerhemmende Bauteile in der Gebäudeklasse 4 erteilt.

Dokumentation als große Herausforderung

„Die K260-Bauweise in Holz stellt derzeit noch eine Herausforderung für das ausführende Bauunternehmen dar“, betont Regnauer. Größte Hürde ist nicht der Baustoff Holz an sich, räumt René Stein, Mitarbeiter von Professor Dr. Stefan Winter vom Lehrstuhl für Holzbau und Baukonstruktion an der TU München, mit dem Vorurteil auf, Holz sei anfälliger für Feuer als konventionelle Baustoffe. Ein Forschungsvorhaben der TU in Zusammenarbeit mit der Bayerischen Versicherungskammer hat nach seinen Angaben vielmehr ergeben, dass die Wahrscheinlichkeit, der Brandentstehung, beim konventionellen Nass- und Holzbau gleich hoch ist. „Die Holzteile sind nicht das Problem, wenn es um Brandschutz geht, sondern die Installationen“, erläutert Stein. Öffnungen, Anschlüsse, Bauteilverbindungen und Durchführungen in und zwischen den Etagen für Wasser- und Abwasserrohre, Elektroleitungen und Lüftungsanlagen bergen die Gefahr von Feuerbrücken. Deshalb ist es, so René Stein, nicht nur wichtig, wie beim Projekt Regensburg von der TU München durchgeführt, bereits die Produktionstechnik vor Ort im Werk intensiv zu überwachen, sondern auch die Installation auf der Baustelle. Ein weiteres Forschungsvorhaben zum Brandschutz bei mehrgeschossigen Holzgebäuden, welches von Michael Merk, ebenfalls wissenschaftlicher Mitarbeiter und Brandschutzexperte am Lehrstuhl für Holzbau und Baukonstruktiondurchgeführt wurde zeigt unter anderem hierfür geeignete Vorschläge zur Lösung der vorgenannten Problemstellungen auf. Ohne eine bis ins letzte Detail ausgearbeitete Dokumentation der Planung und des Aufbaus aller Lösungen vor Ort gibt es keine Abnahme der Prüfer. Ein dichtes Netz an Fachleuten, Wissenschaftlern, Sachverständigern und Kontrolleuren musste nach Angaben von Diplom-Ingenieur Rudolf Rappolder, bei Regnauer zuständig für Brandschutz, Statik und Konstruktion, für die Realisierung des Projektes in Regensburg geknüpft werden.

„Modern, ökologisch, richtungweisend“

Dass ein Bauherr den besonderen Aufwand der Kontrollen und Genehmigungsverfahren auf sich nimmt, stellt derzeit noch eine Ausnahme dar. Ursprünglich war das Wohn- und Geschäftshaus nach Angaben des Regensburger Architekten Karl-Heinz Heitzer in Massivbauweise geplant. Die Bauherren, das Ehepaar Agneta und Armin Zeiler, entwickelten während der Planung auf dem Grundstück im Kreuzungsbereich Haydnstraße/Galgenbergstraße jedoch den Wunsch, „ein nachhaltiges Gebäude für die Zukunft zu bauen – modern, ökologisch, richtungweisend“, so die Zeilers. Der Neubau sollte die Firmenphilosophie des Unternehmens Auto Zeiler, das Benzin betriebene Fahrzeuge auf energiesparenden Gasbetrieb umrüstet, widerspiegeln. Nach Gesprächen mit dem Seebrucker Unternehmen schwenkte das Ehepaar Zeiler um und entschied: Die Tiefgarage wird in Stahlbeton ausgeführt, das drei- und vierstöckige Gebäude in L-Form mit einer Bruttogeschossfläche von 5 386 Quadratmetern in Holz.

Hoher Schallschutz – hohe Energieeffizienz

Die Fassaden des in zwei Bauabschnitten unterteilten 3,5 Millionen-Projektes sind mit Putzwänden in schlichtem Weiß verkleidet. Eine klare Formensprache, mit der sich das Eckgebäude der historischen Domstadt Regensburg, die seit 2006 zum UNESCO-Welterbe gehört, unterordnet. Die zentrale Lage an bedeutenden Verkehrsachsen im Zentrum Richtung Autobahnzubringer erforderte einen besonderen Schallschutz: Ihn garantieren die Holzbalkendecken in Kombination mit einem neu entwickelten Silentboard von Knauf. Nicht nur der Schallschutz, der sich am komfortablen Niveau für Wohngebäude orientiert und die DIN-Normen deutlich unterschreitet, liegt über den Mindestanforderungen. Auch in der Energieeffizienz erfüllt das erste mehrstöckige Wohn- und Geschäftshaus in hochfeuerhemmenderHolzbauweise, das mit Übereinstimmungsnachweis von einem Generalunternehmen erstellt worden ist, bereits heute die Normen von morgen: Der Wohntrakt des Komplexes erreicht annährend den Passivhausstandard, im Büro- und Gewerbebereich wurden die Anforderungen des Energieeffizienzhauses 50 unterschritten.

Meist geprüftes Gebäude in Regensburg

Hohe Leistungen in der Wärmedämmung sind bei Regnauer Standard. Die Kombination mit Brandschutzauflagen nach der „Muster-Holzbaurichtlinie“ war für den bayerischen Hersteller eine besondere Herausforderung. „Für das Projekt Regensburg musste ein neuer Konstruktionsaufbau konzipiert, die Produktion darauf abgestimmt und umfangreich geprüft werden“, berichtet der technische Werksleiter Markus Leppin. Im Werk, bei der Montage vor Ort und bei der Abnahme waren jeweils mehrere unabhängige Ingenieure zur Überwachung der Arbeiten anwesend. Trotzdem lag der Bau von Regensburgs „meist geprüftem Gebäude“ im Zeitplan, was am hohen Vorfertigungsgrad lag. Bereits einen Monat nach Montagebeginn der Holzbauteile konnte der Rohbau erstellt werden, nach weiteren sieben Monaten die ersten Bewohner des mittlerweile komplett vermieteten Komplexes mit Wohnungen, Büros und Läden einziehen. Noch schneller wächst nach Leppins Angaben das Holz heran, das am Regensburger Galgenberg verbaut wurde: Für die 400 Kubikmeter benötigt ein Wald nur 3,5 Minuten.

Holzbau: Alternative für das Aufstocken im Bestand

Die weitere Entwicklung für das Bauen mit Holz zeigt klar nach oben, denn der nachwachsende Baustoff besitzt neben einer hervorragenden Umweltbilanz, weitere Pluspunkte: Er garantiert bessere Dämmungen, ein angenehmes, gesundes und ausgeglichenes Raumklima ohne Wärmebrücken, kürzere Bauzeiten als konventionelle Bauweisen und flexible Nutzungskonzepte, weil neue Raumaufteilungen schnell umgesetzt werden können. Holz besitzt gegenüber seinen konkurrierenden Baustoffen ein deutlich geringeres Eigengewicht – eine Alternative für Grundstücke mit weniger tragfähigem Boden. So können in Zukunft, hofft Regnauer, die Bemühungen um Nachverdichtungen weiter intensiviert werden. „Es ergeben sich neue Chancen für potentielle Bauherren“, ist der Holzfertigbauspezialist überzeugt – eine Meinung, die auch die Brandschutzexperten von der TU München teilen. Sie sehen vor allem Potentiale in der Aufstockung konventioneller Gebäude durch weitere Stockwerke aus Holz und damit Möglichkeiten für Bauen im Bestand.

© Dagmar Dieterle